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Ortsregister

Hinweis auf eine Veranstaltung des Vereins:

Förderung der Zweisprachigkeit in Ämtern und Schulen des Kantons Freiburg

Vortrag von Frau Claudine Brohy, Dr. phil., Universität Freiburg i.Ü.

Hotel Weißes Kreuz, Lyss, am Freitag, dem 8. Februar 2019 um 14.00

Bei Fragen wenden Sie sich an Tel. 032 637 28 57

Zweisprachigkeit des Kantons Bern: eine Initiative des Regierungsrates

Eine Stellungnahme

DER KANTON WILL DIE ZWEISPRACHIGKEIT FÖRDERN
von R. Wyß

Im Mai 2017 setzte der Regierungsrat eine Expertenkommission zur Förderung der Zweisprachigkeit im Kanton Bern ein, präsidiert vom Bieler Ständerat Hans Stöckli. Am 12. November 2018 wurden im Berner Rathaus die Ergebnisse der Kommissionsarbeit präsentiert.
Die Kommission setzte sich aus Fachleuten aus verschiedenen Gebieten und Vertretern von Interessengruppen zusammen. Die Ergebnisse spiegeln die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen der Mitglieder. Ein Mangel des Berichts besteht darin, dass letztlich unter demselben Dach unterschiedliche Ziele gesetzt werden, ohne dass eine klare Priorität erkennbar wäre. So wie argumentiert wird, ist die Zweisprachigkeit nur ein Ziel unter mehreren. Die formulierte „Vision“ leuchtet zwar durchaus ein:
Kantonaler Zusammenhalt
Die Bevölkerung und die sozioökonomischen Akteure fühlen sich wohl in ihrem sowohl tatsächlich als auch rechtlich zweisprachigen Kanton.
Positionierung auf nationaler Ebene
Der Kanton Bern wird in der Schweiz in sozialer, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht als vorbildlicher zweisprachiger Kanton anerkannt.
Nationaler Zusammenhalt
Die Schweiz kann auf den Kanton Bern, der Sitz der Bundesstadt ist, als Bindeglied zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz zählen.
DIE ZIELSETZUNGEN
1. Eigentliche Förderung der Zweisprachigkeit

  • Zweisprachigkeit der Leute in Deutsch und Französisch, d.h. zumindest verbesserte Kenntnisse und Fertigkeiten in der Zweitsprache in erster Linie durch den Schulunterricht
  • Durchgehende Zweisprachigkeit in der Verwaltung, Anreize zur sprachlichen Weiterbildung
  • Sichtbarmachung der beiden Amtssprachen in Gebäuden kantonaler Institutionen
  • Persönlicher und schulischer Austausch mit dem andern Kantonsteil und benachbarten Kantonen

2. Schutz und Förderung des Französischen als Minderheitssprache
3. Wirtschaftliche Entwicklung durch Förderung des Bevölkerungswachstums, insbesondere von Französischsprachigen.

ÜBERLEGUNGEN ZU DIESEN ZIELSETZUNGEN

Vorbemerkung:
Es ist wichtig, dass die bestehende Zugehörigkeit der Gemeinden zu den Sprachgebieten nicht angetastet wird. Das scheint auch der Expertenbericht so zu sehen.
Neue amtlich zweisprachige Gebiete sind eher zu vermeiden. Sie sind höchstens in Erwägung zu ziehen, wenn einsprachige Gemeinden an der Sprachgrenze, beispielsweise Neuenstadt, Ligerz und Twann, fusionieren sollten.
Noch eine persönliche Bemerkung: Ich besuchte als Schüler immer gerne das „Franz“. Wir hatten durchwegs sehr gute und strenge Lehrer. Um die genaue Kenntnis von Grammatik und Rechtschreibung kamen wir nicht herum, und wir lernten gut Französisch sprechen und schreiben. Das hat viele Jahrzehnte lang nachgewirkt, obwohl ich nur noch sporadisch dazu komme, mein Französisch zu brauchen.
1. Die Förderung der Zweisprachigkeit ist zu begrüßen.

  • Am besten gelingt diese in der Schule, das beweisen die guten Ergebnisse moderner Schulung. Der Bericht nennt denn auch den verbesserten konventionellen Sprachunterricht, den integrierten zweisprachigen Unterricht (die Teilimmersion) und die CICL-Methode, bei der außerhalb des eigentlichen Sprachunterrichts einzelne Fächer in der Fremdsprache unterrichtet werden, sowie Schulaustausch ganzer Klassen.

Die Ergebnisse besonders der Teilimmersion und der CICL-Methode sind wesentlich besser als jene des konventionellen Unterrichts. Diese Ansätze sind übrigens keineswegs neu, sondern werden seit Jahrzehnten praktiziert. In Irland wurden auf Gymnasialstufe an manchen englischsprachigen Schulen bereits in den frühen 60er Jahren einzelne Fächer auf Irisch (Gälisch) unterrichtet. Zweisprachiger Unterricht wird im Kanton Jura, Vorkenntnisse aus der Familie vorausgesetzt, bereits seit 2009 angeboten.
Wichtig und zu fordern ist, dass alle angebotenen Modelle den Kindern in allen Teilen des Kantons zugänglich gemacht werden.
Seit heuer (2018) wird ein Studiengang an den PH in Bern und Delsberg angeboten, der Lehrer zu zweisprachigem Wirken befähigen soll. (S. Mitteilungen 2/2018)
Vor allem in Biel und Leubringen und an der Sprachgrenze sowie auch in Bern ist darauf zu achten, dass alle Kinder in der Schule auch ans Berndeutsch herangeführt werden. Sie müssen nicht in der Schule zum Sprechen der Mundart gebracht werden, aber sie sollen lernen, dass diese doch nicht so schwierig ist, wie Welsche oft denken, und mit einiger Übung durchaus dekodiert werden kann.

  • Die zweisprachige Verwaltung ist im Prinzip bereits gegeben, doch ist die Förderung des Personals in der jeweiligen Fremdsprache gewiss sinnvoll. Das übergeordnete Kriterium bei Anstellungen muss die fachliche und charakterliche Eignung für eine zu besetzende Stelle bleiben. Für kantonale Angestellte mit Kundenkontakt darf aber ein angemessenes Niveau (B1 oder B2, in vereinzelten Fällen auch höher) vorausgesetzt werden, und die Qualität der Sprachfertigkeiten darf durchaus ein lohnwirksames Element werden. Auch von Kandidaten für den Regierungsrat sind entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten in der Zweitsprache vorauszusetzen, zu erwägen ist, dass das neu auch eine Voraussetzung für die Wahl wird.
  • Die Sichtbarmachung der beiden Amtssprachen in Gebäuden kantonaler Institutionen ist schon heute gegeben, in Spitälern sind Verbesserungen möglich. Allerdings sollte das mit Augenmaß geschehen, vor allem beim Eingang, beim Empfang und bei der Beschriftung der Abteilungen. Es ist nicht sinnvoll, alles und jedes zweisprachig anzuschreiben, wenn die meisten Patienten die Sprache der Region sprechen. Immerhin können wir uns die Forderung nicht verkneifen, dass auch die Polizei zweisprachig angeschrieben wird, wie das z. B. in Belgien üblich ist.
  • Beim Austausch über die Sprachgrenze hinweg – auch von Personal – ist mit den Kantonen der Hauptstadtregion zusammenzuarbeiten: FR, SO, NE, VS, aber auch mit der Waadt. Nur so ist es möglich, dass genug Personal und Schulklassen beider Sprachgebiete mitmachen können.

2. Schutz und Förderung des Französischen als Minderheitssprache – und wie steht es mit dem Deutschen?
Der jurassische Kantonsteil ist zwar durch die Abspaltung des Kantons Jura halbiert worden und wird bei dem zu erwartenden Kantonswechsel von Moutier noch kleiner, aber die Lage der französischen Minderheit im Kanton Bern kann keineswegs mit der romanischen oder italienischen Minderheit in Graubünden verglichen werden.
Als Sprache ist das Französische durch sein Prestige und durch das Selbstbewusstsein seiner Sprecher sogar stärker als das Deutsche. Dazu kommt, dass viele Deutschberner zum Hochdeutschen eine gespaltene Beziehung haben: Es ist zwar die Sprache, die sie mühelos verstehen und auch am besten schreiben. Es ist sogar, jedenfalls seit der Reaktion der Schulen auf den wachsenden Gebrauch der Mundart im Unterricht auch eindeutig die Standardsprache, die sie in den allermeisten Fällen am besten sprechen. Dennoch ist Hochdeutsch nicht die Sprache ihres Herzens, viele sind deshalb gerne bereit, mit Welschen Französisch zu sprechen, selbst wenn sie es nicht so gut können.
Die Überlegenheit des Französischen zeigt sich auch daran, dass sich in Biel die Sprachgrenze vom Jura ins Mittelland verschoben hat und dass die alte deutschsprachige Minderheit im Jura selbst in den letzten 150 Jahren weitgehend verschwunden ist.
Das Französische ist im Status quo schon sehr gut geschützt. Der Südjura bildet im Kanton Bern einen eigenen Kreis, Biel und Leubringen sind amtlich zweisprachig, und in Bern können Kinder die französische Schule besuchen, obwohl Bern amtlich deutschsprachig ist und auch bleiben soll. Die angesagte allgemeine Förderung der deutsch-französischen Zweisprachigkeit im Kanton wird das Französische zusätzlich stützen. Es sind keine weiteren Maßnahmen und Einrichtungen nötig.
Der Expertenbericht erwähnt den geplanten Ausbau der Association romande et francophone de Berne et environs (ARB) als Dachverband für alle welschen Vereine im alten Kantonsteil. Die ARB war auch in der Expertenkommission vertreten. Sie hatte sich auch schon früher Gehör verschafft und soll nun wohl einen direkten Draht zur Regierung bekommen. Wir vermissen in der Liste der Experten Leute, welche die Aufgabe hatten, auch die Interessen der deutschsprachigen Bevölkerung zu vertreten, besonders jene der deutschsprachigen Minderheit im Verwaltungskreis Jura. Dabei ist diese wesentlich älter als die frankophone in Biel.
Es ist deshalb zu fordern, dass der Verwaltungskreis mit den kleinen amtlich deutschsprachigen Gemeinden Seehof und Schelten sowie den faktisch deutschsprachigen Gemeinden Mont-Tramelan und Rebévelier Rechnung trägt und offiziell zweisprachig wird. Es mag eingewandt werden, diese vier Gemeinschaften seien sehr klein und fielen nicht ins Gewicht. Aber an anderer Stelle heißt es doch im Bericht: „Natürlich darf dabei der Minderheitenschutz nicht vergessen werden, denn je kleiner eine Minderheit ist, umso stärker muss sie geschützt werden.” (S .31)
Im 19. und 20. Jahrhundert betrieben die meisten Gemeinden und der Kanton eine aktive oder passive Assimilationspolitik gegenüber einer Minderheit, die wesentlich älter war als die welsche Minderheit in Biel. Jetzt ergibt sich mit der Förderung der Zweisprachigkeit eine Gelegenheit der Wiedergutmachung an einer in Vergangenheit und Gegenwart stets loyalen Bevölkerung.
3. Wirtschaftliche Entwicklung durch Förderung des Bevölkerungswachstums, insbesondere von Französischsprachigen – geht das auf?
Es ist ein politisches Dogma in der Schweiz, dass Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung ein Bevölkerungswachstum voraussetzen. Wahr ist vielmehr, dass dazu gut qualifizierte Leute nötig sind, die am besten gleich vor Ort ausgebildet und rekrutiert werden. Länder wie Finnland und Island haben sich gedeihlich entwickelt und weisen einen Lebensstandard und eine Wirtschaftskraft auf, die jener der Schweiz vergleichbar ist. Das beträchtliche Bevölkerungswachstum auf Island ist vor allem auf eine andauernd hohe Geburtenrate zurückzuführen. In Finnland ist die Bevölkerung seit 1960 nur von 4,5 Millionen auf 5,5 Millionen gewachsen. Eine geringe Geburtenrate ist auch in der Schweiz seit vielen Jahren Tatsache. Sie ist aber durch Einwanderung überkompensiert worden. Wir können sehen, wie von Jahr zu Jahr der Siedlungsraum sich ausgeweitet hat und noch ausweitet, die Natur zurückgedrängt wird und der Verkehr zunimmt. Die Zersiedelung bringt es mit sich, dass es in den Ballungsräumen viele Leute an den Wochenenden dazu drängt, lange Fahrten auf sich zu nehmen, um anderswo der mehr oder weniger unverdorbenen Natur wieder nahezukommen.
Einen Austausch von Fachkräften mit anderen Landesteilen und dem Ausland braucht es natürlich schon. Bei der Anwerbung von Arbeitskräften geht es aber in erster Linie um die fachliche Qualität der Bewerber, nicht um deren Sprache. Wichtig ist vielmehr, dass die ansässige Bevölkerung durch gute Sprachkenntisse sowohl des Französischen als auch des Englischen ihre berufliche Tüchtigkeit ergänzt, um für sich selbst und die Gesellschaft in allen Bereichen der Wirtschaft nachhaltig einen guten Ertrag zu erwirtschaften.
Es ist aber unsinnig, die verspielten welschen Anteile am Kanton im Jura mit Zuzügern aus dem Welschland und aus dem Ausland ausgleichen zu wollen. Romands bleiben grundsätzlich lieber in ihrem Sprachgebiet, und wenn sie in die Deutschschweiz ziehen, dann doch eher in die Städte, vorzugsweise nach Bern, wo sie ein gutes welsches Beziehungsnetz pflegen können. Wenn ihnen gute Lebensqualität geboten wird, kommen sie gerne, vor allem, wenn sie zudem Sympathie für die Deutsch-Berner und deren Lebensart und Sprache hegen und sich nicht in einem kulturellen Ghetto verschanzen wollen.
Für geeignete Verbesserungen zur Erhöhung der Sprachkompetenz der Berner Bevölkerung und für Schritte zu einem überzeugenden Auftritt des Kantons Bern ist es nicht nötig, die ganze Gesetzgebung auf den Kopf zu stellen. Einzelne Änderungen genügen.

Polizeiposten Wangen a.A.
Polizeiposten Wangen an der Aare

Der geschichtliche Hintergrund:
1. Jurapolitik seit 1948

BERN UND DER JURA– EINE LEIDENSGESCHICHTE
ODER WIRD MAN AUS SCHADEN WIRKLICH KLUG?

Seit bald hundert Jahren tut sich der Kanton Bern schwer mit dem „neuen Kantonsteil“, den Gebieten des ehemaligen Fürstbistums Basel, die 1815 am Wiener Kongress zu seinem Territorium geschlagen wurden. Bern betrachtete den „Holzschopf“ als geringe Kompensation für den verlorenen Waadtländer Weinberg und die verlorene Aargauer Kornkammer.
Die Leidensgeschichte begann im wesentlichen im Jahre 1947, als der Große Rat zweimal Regierungsrat Georges Möckli aus Neuenstadt die Übernahme des Bau- und Eisenbahndepartements verweigerte. Er tat das, obwohl Möckli um neun Jahre dienstälter war als sein Kollege und Parteigenosse Samuel Brawand, dem das gewichtige Departement damals zugesprochen wurde. Durch diesen Affront entwickelte sich aus der  latenten Unzufriedenheit im Jura eine Protest- und Separatismusbewegung, die schließlich zur Abspaltung des Kantons Jura führte. Georges Möckli eignete sich übrigens keineswegs als Ziel des deutschbernischen Misstrauens. Er war ein gemäßigter Sozialdemokrat, sein Großvater war aus dem Kanton Schaffhausen eingewandert, und er wuchs in Neuenstadt an der Sprachgrenze auf. Möckli fand sich damit ab, dass er im Sozial- und Fürsorgedepartement bleiben musste, und hatte keinen Anteil an der Radikalisierung jurassischer Kräfte.
vergebliches liebeswerben
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Es dauerte in der Tat nicht lange, bis die bernische Kantonalpolitik die undiplomatische Brüskierung Möcklis bereute. Sie bemühte sich darum, die Geister im Berner Jura zu beruhigen. Es wurde ihm mehr Autonomie zugestanden, regionale Bauprojekte wurden finanziert und die Wirtschaft wurde gefördert. Während in der Stadt Biel, die bis ins späte 19. Jahrhundert eine klar deutschsprachige Gemeinde gewesen war, die Zweisprachigkeit ausgebaut wurde, beschlossen Regierung und Großer Rat, die verbliebenen deutschsprachigen Schulen, die vor allem auf den Höhenzügen zu finden waren, zu verwelschen und die dort lebenden Bauern und Handwerker, zu einem großen Teil Täufer, allmählich zu romanisieren.
Die kleine, friedlich gesinnte Minderheit wollte und konnte sich mit der Obrigkeit nicht anlegen und schickte  sich nicht dazu an, sich vehement für ihre Kultur zu wehren. Dabei hatte und hat diese Kultur im Jura eine lange Tradition., aber in den 1950er Jahren wurden sie der Appeasement-Politik des Kantons geopfert. Mit der Schließung der Schule von Mont-Tramelan ist dieser Prozess abgeschlossen worden. Die kulturelle Eigenständigkeit dieser Täufer ist heute stark gefährdet. Die Familien sind nicht mehr so kinderreich wie früher, und die letzte dieser Schulen, jene von Mont-Tramelan, ist 2013 geschlossen worden, ganz im Gegensatz zur Dorfschule von Vellerat, in der in den 1970er und 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts viele Jahre lang gerade noch eine Handvoll Kinder von dem separatistischen Agitator Eschmann unterrichtet wurden. Auch die Schule der deutschsprachigen Gemeinde Schelten ist geschlossen worden. Die verbliebenen Schulkinder müssen zum Unterricht nach Mümliswil, Balsthal und Münchenstein pendeln.
DER NORDJURA MACHT SICH SELBSTÄNDIG
Alle diese Bemühungen des Kantons haben wenig genützt. Durch politische Agitation, die auch vor Terroranschlägen nicht zurückschreckte, wurde der Kanton in die Enge getrieben und dazu genötigt, eine Abstimmung über die Sezession der jurassischen Amtsbezirke oder allenfalls eines Teils davon anzusetzen, mit Bundesrat Furgler als Götti des Unterfangens. Die Abstimmung wurde zur Katastrophe. Den Separatisten war es gelungen, einen Mythos zu schaffen und eine Mehrheit der Jurassier davon zu überzeugen, sie seien eine eigenständige Ethnie.
Immerhin schien es nach der Konstituierung des Kantons Jura und dem Wegzug des Laufentals zu Basel zu einer Beruhigung zu kommen; mit der Zeit arbeiteten die Kantone Bern und Jura in manchen Bereichen sogar erfolgreich zusammen.

TERRORANSCHLÄGE UND EIN NEUER ANLAUF ZU EINEM GEEINTEN KANTON JURA
Allerdings wurde von separatistischer Seite die Jurafrage gewaltsam offengehalten, es kam dabei zu symbolhaften terroristischen Anschlägen, bei denen auch Verletzte und Tote in kauf genommen wurden. Eine Auswahl: 1979, 1989, 1990 und noch einmal 2004 wurde in vier Anläufen der “Fritz” zerstört, die Statue La Sentinelle des Rangiers, welche an die Grenzwacht im Ersten Weltkrieg erinnerte. Am Gerechtigkeitsbrunnen in Bern wurde 1986 Hans Giengs Statute der Justitia vom Sockel gerissen und schwer beschädigt, 1989 wurde die alte Holzbrücke von Büren in Brand gesteckt und zerstört, 1993 flog der Wirtssohn Christophe Bader aus St.-Brais vor einem Anschlag auf das Berner Rathaus mit seinem Sprengsatz versehentlich selbst in die Luft, und zwar an seinem 21. Geburtstag.
Als indirekte Folge dieses Anschlages wurde 1994 die Interjurassische Versammlung ins Leben gerufen, die 2008 zum Ratschluss kam, es solle noch einmal über einen gesamtjurassischen Kanton Jura abgestimmt werden. So ward es am 12. Februar 2012 beschlossen, allerdings mit dem fatalen Zugeständnis an die jurassische Regierungsrätin Baume-Schneider, dass im Falle einer Ablehnung auch einzelne Gemeinden noch einmal über ihre Kantonszugehörigkeit beschließen könnten.
Das Ergebnis ist bekannt. Der Kreis Jura lehnte am 24.11.2013 die Bildung eines neuen Kantons ab. Münster (Moutier) beschloss am 18.06.2017, zum Kanton Jura zu wechseln. Wenig später entschieden sich Tiefenbach (Belprahon) und Surbeln (Sorvilier) für den Verbleib beim Kanton Bern. Gegen die Abstimmung in Münster wurde darauf mehrfach Einsprache erhoben, welche von der Regierungsstatthalterin nach eingehender Prüfung gutgeheißen ward. Das Dossier “Moutier” ist noch lange nicht erledigt.

KOMMENTAR
Welcher Schluss läst sich aus dieser Leidensgeschichte ziehen?
Vielleicht wäre es aus wirtschaftlichen und sprachlichen Gründen am besten gewesen, wenn die sechs ehemaligen welschen Amtsbezirke des Kantons Bern sich am Ende doch zu einem einzigen Kanton vereinigt hätten. Den Weiler Schafis hätte man aber vorgängig zu Ligerz schlagen und die Gemeinden Seehof und Schelten an den Kanton Solothurn abtreten müssen. Auch das Gebiet von Im Wiler (Envelier) und Schönenberg hätte dazugehört. Ederswiler hätte zuerst dem Laufental zugeteilt werden müssen; heute allerdings will die Gemeinde beim Kanton Jura bleiben und nicht mehr wechseln. Die ersten drei Plebiszite von 1974 und 1975 waren denkbar unsorgfältig vorbereitet worden.
Es greift indes zu kurz, die Jurafrage auf die Geographie, die sprachlichen Verhältnisse und den Wirtschaftsraum zu reduzieren. Die Jurassier im Süden wollen mehrheitlich bei Bern bleiben, obgleich sie mehrmals gefragt worden sind, ob sie sich nicht doch lieber aus diesem Kanton verabschieden möchten. Sie sind dem Kanton Bern seit Jahrhunderten verbunden, sind mehrheitlich protestantisch und großenteils Nachfahren von ausgewanderten Deutschbernern. In ihrer Mentalität stehen sie den Deutschbernern näher als die Nordjurassier. Das Zugeständnis einer neuerlichen Abstimmung in Moutier war für die Berntreuen dieses Fleckens eine Zumutung und eigentlich ein Rechtsbruch. Leider wehrten sich die Berntreuen zu wenig. Die Frage nach der gewünschten politischen Zugehörigkeit kann man vernünftigerweise nicht immer wieder stellen. Der Kanton Bern hat gegen den Grundsatz der Rechtssicherheit mehrmals verstoßen. Vielleicht will in Münster am Ende doch eine Mehrheit einen Kantonswechsel, aber die Entscheidung von 1975 war rechtsgültig. Es sieht auch so aus, als ob viele Politiker im Kanton Bern das aufsässige Moutier endlich loswerden wollen. Der größte Teil der Berner Bevölkerung scheint sich um die Verhältnisse und Ereignisse im Jura eh nicht mehr zu kümmern.
Noch vor der Abstimmung in Münster wollte der Berner Regierungsrat ein Zeichen dafür setzen, dass er sich erneut zur Zweisprachigkeit im Kanton bekannte. Zweisprachig ist der Kanton zwar immer noch, wenn auch weniger als früher. Das verlorene welsche Hinterland kann jedoch nicht durch Aktivismus und neue Gesetze wettgemacht werden. Dazu haben wir im ersten Beitrag schon einiges gesagt.

Der geschichtliche Hintergrund:
Deutsch und Welsch im Berner Jura und in Biel von 1815 bis heute

DIE ZWEISPRACHIGKEIT IM BERNER JURA UND AM JURAFUSS
IM 19. JAHRHUNDERT UND HEUTE

Es ist damit zu rechnen, dass schon im Mittelalter die Bevölkerung des späteren Berner Juras ein germanisches Element aufwies. Auf jedem Fall war Deutsch die Sprache des Fürstbischofs von Basel und seiner Verwaltung. Die Dörfer haben deshalb auch deutsche Namen, oft ist die deutsche Version sogar früher überliefert als die französische. 1712 fanden Täufer (Mennoniten), die von Ludwig XIV. aus dem Elsass ausgewiesen worden war, im Erzbistum Basel Zuflucht. Sie siedelten sich auf dem jurassischen Plateau an und machten das Land überhaupt erst für die Landwirtschaft nutzbar. Auch aus dem Emmental wanderten mennonitische Bauern aus; 1815 kamen sie wieder unter bernische Herrschaft.
Immerhin wurden sie von 1820 an vom Staat geduldet. Im Hungerjahr 1816 und in den folgenden Jahrzehnten wanderten wiederum viele Bauern in den Jura ein; meistens übernahmen sie Höfe von Leuten, die in die Uhrenindustrie in den Tälern abgewandert waren. Dazu kamen auch Uhrenarbeiter und Mechaniker aus der deutschen Schweiz, die in den Unternehmen Arbeit fanden, die sich in den südjurassischen Dörfern ansiedelten. Biel wurde ein bedeutendes Zentrum der Uhrenindustrie und zog viele französischsprachige Jurassier an.
Um die deutschsprachige Minderheit begann sich die reformierte Landeskirche des Kantons Bern zu kümmern. Bereits 1816 wurde eine deutsch-reformierte Pfarrei in Pruntrut gegründet; der Pfarrer predigte auch in Delsberg. In den Amtsbezirken Courtelary und Münster kamen bald weitere deutschsprachige Kirchgemeinden dazu, und so wurde die Landeskirche zu einer wesentlichen Stütze der Deutschberner. Es wurden auch eine Reihe staatlicher und privater Schulen gegründet. Der Grund dafür war jedoch nicht ein Drang zur „Germanisierung“ des Juras, sondern die pragmatische Einsicht, dass die Kinder dem französischen Unterricht nicht hätten folgen können, weil in ihrem Umfeld kein Französisch gesprochen wurde.   Um 1830 wohnten in den Amtsbezirken Courtelary und Moutier (Münster) 2500 deutschsprachige Reformierte, und ihre Zahl sollte noch zunehmen. 440 Kinder besuchten deutschsprachige Schulen. Es war die Zeit, als der allgemeine Schulunterricht durchgesetzt wurde, und das Angebot wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts noch ausgeweitet. Allerdings kamen die deutschen Schulen in den Dörfern seit 1864 unter Druck und gingen ein oder wurden in französische umgewandelt. Die Gründe: geringe Unterstützung durch die Behörden, deshalb prekäre Finanzlage, ungenügende Lokale, schlechte Löhne. Die Ortsbehörden besoldeten die Lehrerer in den französischen Schulen bis zu viermal besser. Der Verlust der eigenen Schulen wurde dadurch etwas abgefedert, dass an der Oberschule vier bis fünf Stunden Deutsch unterrichtet wurde. Immerhin waren deutsche Gesangsvereine gegründet worden, “in denen auch schon halb und fast ganz verwelschte Nachkommen mitmachen können und da noch eine Ahnung davon bekommen, was sie ihren Vorfahren verdanken. Nur die Schulen der Täufer konnten sich dank ihrem opferfreudigen Einsatz halten.“ Noch lange blieben jedoch die deutschen Kirchgemeinden eine Stütze der sprachlichen Minderheit im Berner Jura.
Die Sprachgruppen wurden durch Wanderungsbewegungen im Laufe der wirtschaftliche Entwicklung im damaligen Berner Jura und im Amtsbezirk Biel stark durchmischt. Die Volkszählung von 1888 weist für die Amtsbezirke Delsberg, Münster und Courtelary einen Drittel Deutschsprachige aus. Im Amtsbezirk Biel erreichte der welsche Anteil 1888 22,1%; er stieg bis 1919 auf 34,6%. Während im Berner Jura die deutschsprachige Minderheit durch Assimilation langsam abnahm, behielten die Welschberner in Biel ihre Sprache und konnten diese dank öffentlichen französischen Schulen und einem zunehmenden Gebrauch des Französischen als Amtssprache stützen. Immerhin: Trotz der kantonalen Assimilationspolitik zugunsten des Französischen gab in der Volkszählung 1960 immerhin noch ein Fünftel, im Amtsbezirk Neuenstadt sogar ein Viertel der Bevölkerung Deutsch als Muttersprache an. Seither ist ein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Dieser ist zurückzuführen einerseits auf den Wegzug von Deutschschweizern wegen der politischen Spannungen und der zunehmenden Feindlichkeit gegenüber Deutschschweizern sowie auf Abwanderung wegen der Krise in der Uhrenindustrie seit 1975, anderseits auf fortgesetzte Assimilation der Kinder und deren Familien durch die Schule. Auch die Regionalzentren mit ihren Arbeitsplätzen und die Vereine spielen eine Rolle.  
Die Volkszählungen von 1990 und 2000 weisen einen starken Rückgang der Deutschsprachigen im Verwaltungskreis Berner Jura aus. Allerdings wurde nicht mehr nach der Muttersprache, sondern nach der Hauptsprache gefragt, wodurch die Zahlen mit jenen früherer Volkszählungen nicht mehr direkt vergleichbar sind. (Dasselbe gilt in noch verstärktem Maße für die Sprachen in Graubünden, s. die Beiträge dazu in 1/2018 und 2/2018.) In Biel anderseits hat der Anteil der Deutschsprachigen seit dem Jahre 2000 stark abgenommen und beträgt noch 54%; das ist vorwiegend auf Zuwanderung zurückzuführen. 39% sprechen Französisch als Hauptsprache, 9% Italienisch.


https://www.srf.ch/news/regional/bern-freiburg-wallis/2827-schelten-unterwegs-in-der-noerdlichsten-gemeinde-des-kantons-bern

https://blog.nationalmuseum.ch/2017/12/blog-geschichte-serie-entstehung-kanton-jura-3/

https://www.swissinfo.ch/ger/jura-feier-mit- misstoenen/
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Aeberhard Ad., Werden und 100 Jahre Bestehen der Deutschen Kirchgemeinde St. Immertal. Steffisburg und Bern 1943, S. 8

Aeberhard, S. 22. In Rennendorf (Courrendlin) wurde die Schule im späteren 19.Jh. deutsch, blieb es aber nur bis 1920. 

S. dazu Chiffelle, Frédéric. L’Arc jurassien romand à la frontière des langues: Faut-il craindre la germanisation? Lausanne (Payot) 2000, S 55f.